Göttingen

Kellerkultur #12: Bettina Wilpert – Nichts, was uns passiert

In den letzten Monaten konnte sie sich vor Preisen kaum retten: Auf der Buchmesse in Frankfurt hat sie jüngst den ZDF-„aspekte“-Literaturpreis und den Melusine-Huss-Preis eingesammelt, weitere Shortlisten winken schon. Jetzt kommt sie zu uns nach Göttingen und spricht mit Urte Schröder über ihren Debütroman „Nichts, was uns passiert“:

Anna sagt, sie wurde vergewaltigt. Jonas sagt, es war einvernehmlicher Geschlechtsverkehr. Der WM-Jubel des Sommers wird für Anna zum Sommer der widersprüchlichen Erinnerungen, der Zweifel, der Qual. Bettina Wilperts Roman ist dort verortet, wo eine Vergewaltigung als letztes erwartet wird: unter Studierenden, im linken Milieu, unter Freunden. Doch sie widersteht der Versuchung, bloß moralisch abzuurteilen. Im gekonnten Wechselspiel changiert sie zwischen den Perspektiven – Opfer, Täter – und lässt dabei auch die Vielstimmigkeit des sozialen Umfelds der beiden immer wieder mitspielen. Immer im Hintergrund: die fast schon verborgene Erzählstimme, die Stimme einer ermittelnden Instanz, reduziert auf wenige Worte. Aufgenommen werden hier Sichtweisen, Perspektiven, verschiedene Versionen der selben Geschichte – das Urteil über Schuld und Unschuld bleibt der Leserin selbst überlassen.

Bettina hat mit ihrem Debüt einen Nerv getroffen, wie er präziser kaum getroffen werden kann. Mit dem Mut auch die Perspektive des Täters zu beleuchten, ohne dabei zu beschönigen, fragt sie, wie unsere Gesellschaft mit sexueller Gewalt umgeht, wo Grauzonen anfangen und aufhören und ob #metoo wirklich etwas verändert hat in der Dynamik zwischen Opfern, Tätern und Gesellschaft.

Eintritt: 3 €